Dadaglobe reconstructed: Cathérine Hug berichtet aus Zürich.

Doppelportrait Baader/Hausmann, John Heartfield (zugeschrieben) John Heartfield (zugeschrieben), um 1919/20 Rasterdruck einer Fotomontage auf weiss beschichtetem Holzschliffpapier, 25,4 x 15,8 cm Kunsthaus Zürich © 2016 ProLitteris, Zürich

 

 

Max Ernst, Chinesische Nachtigall, 1920 Collage und Tusche auf Papier, 12,5 x 9 cm Musée de Grenoble © 2016 ProLitteris, Zürich
Max Ernst, Chinesische Nachtigall, 1920
Collage und Tusche auf Papier, 12,5 x 9 cm
Musée de Grenoble
© 2016 ProLitteris, Zürich
Die kleine chinesische Nachtigall wird zur Skulptur…

 

Die Feierlichkeiten zum 100. Geburtsjahr 2016 führt DADAs Geburtsort Zürich prominent an. Während das „Geburtshaus“ von DADA, das Cabaret Voltaire in der Spiegelgasse 1, unter der Leitung von Adrian Notz seine „Obsession DADA“ mit täglichen „Offizien“ zelebriert, GedenkDADAdiensten an tendenziell vergessene DADAistInnen, knüpft das Kunsthaus Zürich da an, wo DADA fast schon über alle Berge war – an die Zeit nach seinem Höhepunkt kurz vor der Auflösung 1924. 1921 hatte Tristan Tzara, der Mitbegünder des Züricher DADA, zu dem Buchprojekt Dadaglobe aufgerufen und alle (wohlbemerkt: von ihm erinnerten) DadaistInnen eingeladen, Text- und Bildbeiträge einzusenden. Das groß angelegte Projekt scheiterte damals unter anderen aus finanziellen Gründen. Diese Autoretrospektive der DadavetreterInnen hat das Kunstmuseum Zürich jetzt realisiert. Das Buch dazu hat realisiert der Verlag Scheidegger & Spiess, der sich mit wunderbaren Veröffentlichungen um Dada verdient gemacht hat und macht.

Wie es dazu kam, welche Wege sich dahin, welche Entdeckungen und Überraschungen ergeben haben, Überlegungen und Hintergründe, erläuterte mir in einem intensiven Gespräch die Kuratorin Cathérine Hug, welches hier nachzuhören ist.                              (Siehe dazu auch die sendung der neopostdadasurrealpunkshow vom 11. Februar 2016.)

Insbesondere wies Frau Hug auf das  unvorstellbar junge Alter der DADAbegründerInnen hin, von Francis Picabia abgesehen. Es waren VertreterInnen einer Generation, die scharenweise dem Krieg zum Opfer fiel. Schnell mussten sie leben, sich austoben und neuerfinden. Was daraus entstand, war tief reflektierter Unsinn, welchen diese Kanonenfuttergeneration inmitten des 1. Weltkriegs gegen den Wahnsinn der Schlachtfelder stemmte, sich damit der Konsequenz der allgemeinen Zerstörung stellend, welcher auch Kunst und Kultur nicht entkommen konnten. Also machten sie die Dekonstruktion alles kulturell Vorgegebenem bis ins Sprachliche hinein zur Basis ihrer Neuschöpfungen, Collagen, Montagen und Performances. In ein paar wenigen Jahren (1916 – 21 und spätestens 1924 – da mussten oder wollten die meisten auch wieder weg aus dem Zufluchtsort Schweiz…) entstand aus einer wild entschlossenen Überlebenswut und unbändig unvoreingenommenen Kreativität eine unüberschaubar weite wie heterogene Basis, aus der sich dann die mannigfachen Strömungen der modernen Avantgarde bis heute entwickelt haben.

Die Bedeutung des Internationalismus sei ein ganz wichtiges Thema im Dadaismus, betont Frau Hug, er lasse jede Definition über das Nationale bzw eine Staatszugehörigkeit hinter sich. Dada sei die erste internationale Kunstbewegung überhaupt gewesen in einer Zeit, in der von einer Offenheit der Grenzen vor dem 1. Weltkrieg der Wechsel zu einer Identitäts- als Passkontrolle vollzogen worden sei und damit eine Einschränkung der Personenfreizügigkeit. Dem Identitätsdilemma entsprechend, sei eine der von Tzara erbetenen vier Eingaben ein Selbstporträt gewesen. Die KünstlerInnen haben darauf mit Kunstwerken geantwortet, die Fragen der Identität ganz neu aufwarfen und damit spielten, in jedem Fall eine klare Haltung an den Tag legten. Die DadaistInnen hätten sehr radikal und klar etwas über und gegen ihre Zeit zu sagen gehabt – und der unsrigen heute in Bezug auf die Fragen der Grenzen, die sich heute plötzlich wieder stellten. Diese brisante Aktualität solle in den Vordergrund gestellt und der historische Kontext mitgedacht werden inmitten des verdienten Feierns von Dada 2016.

Dadaglobe sei eine Möglichkeit gewesen, sich wenn schon nicht in persona, so qua Kunstwerk über die Grenzen hinaus bewegen zu können. Dabei sei das keineswegs ungefährlich gewesen, denn die Postbewegungen haben die polizeiliche Aufmerksamkeit durchaus auf sich gezogen, wie die Pariser Dadablobe-Postempfängerin Germaine Everling, Picabias Lebensgefährtin, in ihrer Korrespondenz bezeuge. Das heute so attraktive Bohèmeleben der DadaistInnen habe damals einfach materielle Gründe gehabt, denn letztere haben nur an spelunkenhaftigen Orten, Cafés und Cabarets sich überhaupt treffen und aktiv werden, sie besetzten sozusagen neue Räume.

Hören Sie selbst:

Dadaglobe – Rekonstruktion des Buchprojekts von 1921 im Kunsthaus Zürich 2016

Dadaglobe und DadaDamen

Fragen und Darstellung von Identität

Aktualität von Dada

Dada – Feiern, Grenzen, Bezüge.

Konservatorische Aufgaben und Sichtbarmachen

Das Performative

Entdeckungen

Internationalismus

Ende und Übergänge

Mit Dank an das Kunsthaus Zürich und ganz besonders Cathérine Hug!