Arian Leka: Rettungsboot für die ertrunkenen Seelen

Mare © Jorinde Reznikoff

Seit viel zu vielen Jahren erreichen uns wieder und wieder Meldungen von Menschen, die bei ihrem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen, ertrunken sind. Hier ein Boot und dort ein Boot mit Namenlosen, die in zwei Zahlengruppen eingeteilt werden: Überlebende bzw. Gerettete und Tote. Versprengte Zahlen ohne Namen, die sich unaufhaltsam addieren. Namen ohne Gesicht. Zahlen ohne Namen. Klagelos, trauerlos.

Arian Leka © Jakob Berr

Arian Leka, ein albanischer Dichter, Literaturwissenschaftler und Flötist hat das Mittelmeer – mare monstrum, nicht mehr mare nostrum – vor der albanischen Küste, seiner Geburtsstadt Durrës unablässig vor Augen. Nun hat er ein Poem, ein Epos, geschrieben – ein großes Klagelied, das den namenlosen Opfern Gestalt und Stimme gibt. In den Titel hat er sich ein (Zitat) »Schreckenswort« geholt, das in der deutschen Übersetzung unweigerlich auf Widerstand stößt:  »Auschwitz Detar«, »Das Auschwitz der Meere«.

Zuzana Finger © Susanne Habel

Ich habe mit Zuzana Finger, der deutschen Übersetzerin, ausführlich darüber gesprochen. Zuzana hat wegen des Titels eine lange Auseinandersetzung mit Arian Leka geführt, da sich das Geschehen auf dem Mittelmeer natürlich allem Grauen zum Trotz nicht mit dem industriell organisierten Mord in Auschwitz vergleichen lässt. Letztlich hatte sie aber das Gefühl, den Willen des albanischen Dichters hinnehmen zu müssen, dem es auch wichtig war, dass sein Poem in allen Sprachen, in die es übersetzt werden würde, den gleichen Titel habe und so erkennbar sei. Bisher hat sich der Titel allerdings nur deutschen Ohren als problematisch dargestellt, als Nichtdeutscher habe Arian aber einen anderen Blick darauf und »Auschwitz« bewusst als bannend-aufrüttelndes Wort für ein Grauen gewählt, das unter der blauen Meeresoberfläche die einstige Wiege zu einem Massengrab der europäischen Kultur zu pervertieren droht. »Wir haben ein Wort dafür, was mit den Menschen in Auschwitz passiert ist, aber wir haben noch kein Wort für das, was auf den Meeren passiert. Aber mir ist bewusst, dass dieser Titel eine Grenze erreicht«, sagt Zuzana. Ob der Titel so bleiben muss oder darf, bleibt für sie aber nach wie vor eine offene Frage.

Für Arian, so ließ er uns wissen, stellt diese Sendung ein Rettungsboot für die jene Seelen dar, die keinen Hafen erreichten. Es berühre ihn sehr, dass seine Gedichte in Hamburg gesendet werden, weil sein verstorbener Vater, der Seemann war, ihm als Kind von Hamburg erzählt hatte, also von dem, was er damals als albanischer Staatsbürger mit beschränkter Bewegungsfreiheit vom Hafen und von der Stadt sehen und erzählen durfte. Ohne sentimental sein zu wollen, empfindet Arian die Sendung als ein Gedenken an seinen Vater und an andere albanische Seeleute, die zu seinem Leben gehörten. Überdies sei der Monat März als Sendetermin geschichts- und symbolträchtig, denn der albanische Exodus auf dem Seeweg begann vor 30 Jahren, am 7. März 1991, am Internationalen Lehrertag. Die Lehrer hätten damals ohne einen Teil ihrer Schüler dagestanden. Die große Fluchtbewegung setzte sich am 8. März, dem Internationalen Frauentag fort. In den Schulen blieben die Stühle der Schüler leer, in den Häusern die der Familienangehörigen. Auch das Schiffsunglück von Otranto, bei dem ein italienisches Kriegsschiff ein mit Migranten überfülltes Boot am Weiterfahren hinderte und zum Kentern brachte, geschah im März vor 24 Jahren. So wurde der Monat März, der einst auch in Albanien  in der Tradition der Frühlingsfeste stand, vielerorts zu einem Zeitpunkt der Trauer.

Das Poem wird ausschnittsweise in der von Andrea Stift-Laube redigierten Grazer Zeitschrift Lichtungen erscheinen.

Nach der Sendung sandte mir Zuzana einen von ihr übersetzten Beitrag von Arian Leka mit dem deutschen Titel Taucher und Schwimmer zu, den Arian zur Veröffentlichung an dieser Stelle freigegeben hat. Herzlichen Dank an beide.

Arian Leka: Taucher und Schwimmer

 … gib ihnen Kraft, der Versuchung zu widerstehen.

 – Gjon Buzuku

 

… das 21. Jahrhundert schuf die Illusion, dass die Tragödie ein Begriff ist, den es nur in der Theaterwelt und in den „paradoxen Republiken“ der Antike gibt. Um eine Tragödie zu erleben, müssten wir sie auf der Bühne suchen, da der globalisierte Mensch seine Beziehung zum Unglück Mitte des 20. Jahrhunderts, nach den in nur zwei Jahrzehnten stattgefundenen zwei Weltkriegen, beendet hat. Folglich begann er zu glauben, dass ihm die Tränen nicht mehr vor Unglück und Tod, nicht mehr vor Blutvergießen, Gemetzel und Verwüstung, sondern nur noch vor schallendem Gelächter kommen werden.

Zu dieser Utopie merkte ein italienischer Schriftsteller an, mit dem wir dasselbe Meer teilen, dass, je erleuchteter unsere Häuser sind, umso mehr Gespenster aus ihren Wänden herausquellen.

Welche mit Lampen und Lüstern erleuchteten Häuser hatte Italo Calvino gemeint? Welche Gespenster hatte er wahrgenommen und wir nicht?

Ich kann mich geirrt haben, als ich das Meer früher nur als einen Freund sah, wie es auch falsch gewesen sein mag, es für böse und grausam zu halten. Man kann vom Meer keine Zusammenarbeit einfordern. Es ist kein Helfer, es hat keinen Gewinn und es trägt keine Schuld. Das Meer ertränkt den Menschen nicht. Vielmehr erleichtert es vieles. Selbst bei Sturm scheint das Meer zu helfen, so gut es kann, damit der Missbrauch von Hoffnungen sichtbar und der Schrecken der Getäuschten beendet wird.

Das Meer nimmt Leben, als ob es eine Entschädigung für die Sturheit des Menschen nehmen würde, aber damit erteilt es einen guten Rat und verhängt keine Strafe. Nicht die Ertrunkenen, auch nicht die Verschollenen, sondern gerade die, die am Leben sind und vom Meer so beschenkt werden, dass sie sich goldene Ankerketten um den Hals hängen können, müssten Angst haben, sooft sie ans Meeresufer kommen.

Im Alltag wird die Erinnerung nach Kräften bis zum Verschwinden planiert, aber das Wissen ist bei allen da, ob sie daran erinnert werden wollen oder nicht. Ein zweites Albanien liegt im Wasser versunken, unter der Oberfläche der Adria und des Ionischen Meeres. Vor allem dort, wo sich die albanischen Meere treffen. Oben, in den Bergen lebt ein Volk, das trotz seiner langen Existenzdauer als ein verspätetes und in der dokumentierten Geschichte als ein kaum bezeugtes gilt. Ein anderer Teil dieses Volkes liegt unter dem Meer. Das sind unsere Menschen, die aus dem Melderegister gelöscht wurden und im Buch der Meerestoten Aufnahme fanden. Eine ganze Stadt Ertrunkener lastet dort unten so schwer, dass sie uns nicht loslässt und unseren Kopf sinken lässt. Ein Teil derer, die in Schlauchbooten aufgebrochen sind und die das Meer überquert haben, führen ihr Leben weiter, aber sie werden die Erinnerung an das Entsetzen und den Schrecken nicht los. Ein anderer Teil ertrank und viele davon wurden nicht mehr ans Ufer geschwemmt.

Wir hielten Trauerfeiern ab. Die Rituale gingen zu Ende. Die amtlichen Zeremonien auch. Danach warfen einige ein wenig Brot in die Wellen, damit ihre Ertrunkenen nicht hungern. Andere gossen Wasser hinein, damit ihre Ertrunkenen nicht dursten. Je nach Aberglauben. Manche warfen Blumen ins Meer.

Es gibt jedoch etwas, was richtiggestellt werden muss, sooft wir sagen, dass sie ertranken, dass man sie ertrinken ließ oder dass wir sie ertrinken ließen. Sowohl diejenigen, die es geschafft haben, als auch die, die ertranken, kamen nicht von allein auf die hohe See. Jemand hatte sie hingebracht. Jemand hatte Abmachungen getroffen. Und jemand hatte ein Auge zugedrückt, für die Augen, die nicht mehr geöffnet werden.

Sie ertranken, aber der Tod kann schwimmen. Er schaffte es zurück ans Ufer. Der Tod betrat das Festland und mischte sich unter uns. Allmählich gewöhnten wir uns an die Unglücke. Zusammen mit dem Tod kam auch das Geld für die Überfahrt zurück. Das Geld, das die Ertrunkenen bezahlt hatten, um das Ufer drüben zu erreichen, wanderte von Hand zu Hand und kam bei uns an. Eine Zeitlang konnten wir uns davon etwas zu essen kaufen. Die Bedürftigsten wurden versorgt. Mehr schlecht als recht.

In der urbanen Legende spielen die Schlepper die Rolle sympathischer Helden, womit sich nicht einmal die großen Piraten rühmen konnten. Die Reichen verwandelten das Todesgeld in Paläste am Meer, Hotels, Restaurants, Supermärkte, Fischereischiffe, Boutiquen, Salinen, Modesalons, Fernsehsender, Fabriken, Seifen- und Reinigungsmittelfirmen.

Seitdem ist der Tod durch Ertrinken unter uns. Jetzt ist es zu spät, um nicht zu sagen, sinnlos, zu fragen, wer die Schuld an dem massenhaften Ertrinken trägt. Aber dort, wo niemand schuldig ist, wird die Schuld an alle verteilt. Sie beschmutzt und steckt die Schuldigen und die Schuldlosen an.

Seit niemand schuld ist, kaufen wir Appartements und wohnen in Häusern, die von den Ertrunkenen bezahlt wurden. Die Salinen fördern Salz aus dem Meer der Ertrunkenen, das wir früher das Feld unserer lieben Frau nannten. Die Fischereischiffe, die den Seefisch auf die Märkte bringen, tragen ähnliche Namen wie die Ertrunkenen.

Die Schuld wird an alle gleichmäßig verteilt. Seit wir keine namentlichen Schuldigen haben, ist niemand frei von Schuld. Ohne uns zu erinnern, ohne zurückzublicken und ohne uns den Kopf zu zerbrechen, werden wir auch weiterhin Urlaub in den Hotels machen, die von unseren Ertrunkenen vorfinanziert wurden.

Die Ertrunkenen haben für die Überfahrt im Voraus eine Gebühr bezahlt, mit der die Boutiquen für unsere Bekleidung errichtet wurden. Wir werden weiterhin in Restaurants speisen, in denen die Ertrunkenen mit ihrer Barzahlung als Miteigentümer nicht vorbeikommen, um ihren Gewinnanteil zu kassieren.

Wir werden auch weiterhin in Fabriken und Betrieben arbeiten, an denen die im Meer Vermissten Aktionäre sind. Wir werden auch weiterhin Kredite in Banken aufnehmen, deren Fonds aus dem Geld derer gebildet wurden, die es mit ihrem Leben bezahlten.

Gewiss wurde nicht nur das Mittelmeer nach und nach in einen Sarkophag verwandelt. Seetragödien haben sich nicht nur vor unserer Küste ereignet. Das Schmuggeln der Migranten geht auch heute weiter, vor aller Augen, mit Wissen oder Stillschweigen der Staaten. Dieses Meer löst kein Gefühl von Verwandtschaft mehr aus. Es ist kein Vater mehr, wie es die Italiener empfanden, indem sie es il mare nannten, und auch keine Mutter mehr, wie es mit diesem Gefühl die Franzosen als la mer bezeichneten. Stattdessen kehren wir zu den Ursprüngen zurück, indem wir dem Meer dasselbe neutrale Gefühl entgegenbringen wie die Römer, die es mare nannten.

Der Raum indessen, der „Moral erzeugen“ kann, heißt nicht Literatur. Wenigstens so lange nicht, bis die Schriftsteller verstanden haben, dass eine endgültige Moral für alle Zeiten nicht möglich ist. Nicht die Schriftsteller schlagen eine bessere und inspirierende Zukunft vor, ebenso wenig wie sie Ratschläge bieten, in welcher Form das Leben verlaufen soll. Was sie bewirken können, sind Denkanstöße im Sinne von Selbsterkenntnis, die wenig Gemeinsames mit schnellen Lösungen, Panikmache oder Jammern hat. Sie können die verstummte innere Stimme wieder hörbar machen, die dunklen Oberflächen beleuchten und die Diskussion darüber eröffnen, was wir nur vor uns hin murmeln und nicht deutlich artikulieren, damit wir aus jeder Erfahrung Schlüsse ziehen.

Spätabends, wenn wir nach Hause zurückkommen, wo an den Wänden sehr gut Fotos der Menschen hängen könnten, die wir im Meer verloren, setzen wir uns vor die Bildschirme, um Nachrichten über Ertrunkene zu schauen. Es sind Fremde, keine Albaner mehr, aber sie ertrinken in demselben Meer.

Nach den Nachrichten schauen wir einander in die Augen, schweigen lange und grübeln darüber, welche mit Lichtern und Lüstern erleuchteten Häuser wohl der Schriftsteller vom gegenüberliegenden Ufer gemeint haben mag. Welche Gespenster quellen aus unseren Wänden heraus?

Wahrscheinlich werden nur wenige von Zweifeln geplagt sein, ob sie vielleicht nicht auch selbst in einem so hell erleuchteten Haus wohnen …

Aus dem Albanischen von Zuzana Finger.