Wo ist der Schleier?

Anna Piaggi, die surrealistische Modeikone der vergangenen Jahrezehnte – Besitzerin von ganzen Hundertschaften an Hutskulpturen, pflegte ihren vertrauten Hutdesigner Stephen Jones bei jeder Behutungsaktion zu fragen: Wo ist der Schleier? Wo ist der Schleier?

Nutzt sich, was wir sehen, durch das Immer-und-überall-sehen-und-gesehen-werden ab? Nimmt unser Sehen ab, wenn wir ständig potentiell alles „wahrnehmen“ können, ja in einer hypervisuellen Welt sogar dazu aufgefordert werden? Was sehen wir wirklich?

Und was und wen sehen wir, wenn wir jemandem in die Augen blicken? Wer sieht wen, wer sieht was? Was blickt da? Wodurch und woher?

Mit dem Sehen spielen, experimentieren. Mit den Sehgewohnheiten.

Wenn sehen wahr-nehmen wird.

Brillen tragen – wohin? Mich fort in die Nähe, in die Ferne, in die Sonne?

Schleier neu erfinden. Garance in den Kindern des Olymp. Verschleiert ein Schleier den Blick oder macht er ihn sichtbarer, zwingt zum genaueren Hinsehen, entschleiert?

Garance (Arletty) in Les enfants du paradis/Die Kinder des Olymp.
Garance (Arletty) in Les enfants du paradis/Die Kinder des Olymp.

Von der Burka zu dem Nichts von Chanel-Catwalk-Schleier 2015. Vom tötlichen Ernst des Sich-Verhüllenmüssenmeines bis zum harmlosen Spiel mit der Sichtbarkeit. Vom Wahn machtängstlicher Repression über den Reiz des Sehüberflusses bis hin zur Ehrfurcht vor dem göttlichen Angesicht in uns, welches unser Augenlicht nicht zu ertragen vermag.

Masken. Tragen wir alle. Wann sind wir sichtbar? Wer sind wir dann? Wer wird sichtbar? Entsteht Sehen nicht immer im flüchtigen Dazwischen des Sehens und Gesehenwerdens? Ist das, was wir außerhalb von uns zu sehen meinen, nicht der Sehentwurf des Jetzthier? Und dann wieder vorbei, und der nächste. Eine ganze Welt entsteht in jedem Moment milliardenfach neu. Weltschöpfung im Sehen. Im Hören. Im Fühlen. Im Wahrnehmen.

Sich erkennen durch bewusstes Masken tragen. Die zahllosen, die wir Tag aus Tag ein wechseln. Zuweilen dramatisch, zuweilen humorvoll, ehrgeizig, traurig, nach außen geworfen, nach innen gestülpt. Zuweilen nur ein Hauch von Maske. Schleier. Einer der unendlich vielen, den ich wegziehen könnte.

Und Make up – Catwalk – Masken