Picasso öffnet in Hamburg „Fenster zur Welt“

Robert Doisneau (1912-1994): Die Lebenslinie, 1952, Atelier Robert Doisneau, Montrouge, © Robert Doisneau / Rapho

„Alle wollen die Malerei verstehen. Warum versucht man nicht, den Gesang der Vögel zu begreifen?“

Pablo Picasso, in: Christian Zervos, Conversation avec Picasso, in: Cahiers d’art, Sonderheft Picasso, 1935, S. 42.

 

Picasso und Bildtheorie? Das überrascht. Denn eigentlich kennt man Picasso als den unentwegt Tätigen, der nicht müde wird, sich immer wieder neu die Welt bildnerisch anzueignen, ohne dies intellektuell zu reflektieren. Das in einer Zeit, in der das Manifestschreiben zum avantgardistischen Selbstverständnis dazugehörte. Doch in dem Frühwerk „Interior“ von 1900 (Museu Picasso de Barcelona) haben Esther Horn und Ortrud Westheider ein inhärentes Maler-Manifest dechiffriert: Das Bild erzählt sich selbst. Es bemüht sich nicht mehr um die Illusion einer zentralperspektivisch orientierten Abbildung der Welt, wie sie seit der Frührenaissance des erklärte Ziel der europäischen Kunst war. Der Ausblick fällt jetzt auf das materielle Trägermedium, Leinwand, Rahmen, Pinselstrich und Farbe selbst. Das Bild wird materiell zum gemalten Fenster, welches das Fenster zu weiteren Fenstern hin öffnet, oft Ausblicke aus und auf Picassos Ateliers. Ein Vexierspiel zwischen Betrachter und Betrachtetem entsteht.

mais cet air cristallin les gouttes à la fenêtre ont l’ombre à l’envers qu’il faut peindre la tête en bas et s’il n’en était pas ainsi personne n’aurait rien fait depuis toujours

aber diese gläserne Luft die Tropfen am Fenster haben verdrehte Schatten man muss sie auf dem Kopf stehend malen und wäre es nicht so hätte seit jeher niemand etwas gemacht

18. April 1935
Museu Picasso, de Barcelona, © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Museu Picasso, de Barcelona, © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Kommentar zu „Interior“ von Ortrud Westheider ( 4.2.2016)

 

Das Fenstermotiv zieht sich durch Picassos gesamtes Werk hindurch und erneuert seine gemalte bildtheoretische Setzung mit jeder neuen „Periode“. Eine „Art Autopiktologie“ entsteht: „Ich muss mir als Maler die Dinge aneignen, sie künstlerisch in Malerei übersetzen.“ Dabei untersucht Picasso gerne das Verhältnis des Pikturalen zum Skulpuralem, versucht, den uralten Wettstreit zwischen diesen beiden Kunstgattungen zu schlichten. Picassos Fenster-Bildmeditationen lassen sich als versteckte Selbstbildnisse lesen – Selbstreflektionen, die den Blick nach innen weisen, dem Weltinnenraum nachgehen. Sie zeigen eine erstaunlich feine, zarte und sanfte Seite dieses stark und machohaft auftretenden Künstlers, die sich auch in seinen Gedichten äußert.

Diesen Ansatz kann man in der Ausstellung „Picasso. Fenster zur Welt“ im Bucerius Kunst Forum Hamburg noch bis zum 16. Mai 2016 nachvollziehen und vertiefen. Im Pressetext heißt es dazu: „Das Motiv des Fensters zieht sich durch das gesamte Werk Picassos. Für ihn war es weit mehr als ein alltäglicher Gegenstand. Das Fenster thematisiert das Sehen, für Picasso ist es das Symbol der Malerei. Erstmals wird mit Picasso. Fenster zur Welt dieses zentrale Motiv beleuchtet. Anhand von rund 40 Arbeiten aus allen Schaffensperioden des Künstlers macht die von Ortrud Westheider kuratierte Ausstellung deutlich, wie Picasso in Phasen der Neuorientierung immer wieder zum Fenstermotiv zurückkehrte. Vom 6. Februar bis zum 16. Mai 2016 vereint die Ausstellung Leihgaben aus internationalen Sammlungen wie dem Museu Picasso de Barcelona, dem Museo Picasso, Málaga, dem Musée national Picasso, Paris sowie der Tate, London, dem Centre Pompidou, Paris, dem MoMA, New York und dem Israel Museum, Jerusalem.“

„Picasso. Fenster zur Welt“ ist Ortrud Westheiders Abschiedsausstellung im Hamburger Bucerius Kunst Forum. Nach 14 Jahren großartiger Ausstellungsarbeit sucht die Kuratorin eine neue Herausforderung im Museum Berberini in Potsdam. Auch am Tag ihres Umzugs stand Frau Westheider noch für ein Gespräch bereit: