Italienische Reise, Corona 2020

Gemeinsam mit Hanna Mittelstädt trat ich am 16. Juni 2020, unmittelbar nach Wiederöffnung der Grenzen, eine Reise nach Italien an. Von Hamburg nach Augsburg beziehungsweise München gelangt, hatten wir das Glück, von einem wunderbaren Fotografen des Verlorenen nach Bozen gefahren zu werden, um den Online-Phantomzug zu ersetzen, der uns eigentlich von München nach Venedig hätte bringen sollen. In Venedig gelangten wir dann in den Genuss, drei Tage lang eine Stimmung von Neuanfänglichem zu kosten. Als sei alles möglich. Alles wieder offen. Bevor wir uns sechs Tage später zur Rückfahrt im allerersten Nachtzug von Innsbruck nach Hamburg wiederfanden, hatten wir völlig gegensätzliche Erfahrungen gemacht: Hanna frohe und freie in Neapel und auf der Insel Procida, ich unfreie und schwer lastende im stolzen Rom.

Hanna Mittelstädt berichtet in Venedig erwacht, Procida lächelt über ihre Eindrücke.

Susanna Böhme-Kuby

Susanna Böhme-Kuby erlebt seit 40 Jahren die Entwicklungen der Stadt Venedig mit. Am 18. Juni 2020 sprachen wir in ihrer venezianischen Residenz über ihre Erfahrungen in all diesen Jahren und ganz besonders jetzt, wo das Phänomen Corona* vielen Situationen in mehrfachem Sinn die Krone aufsetzt. Ausgehend von Susannas Engagement in Bewegungen, die sich für eine Rückeroberung Venedigs durch Venezianer und gegen die kapitalistisch forcierte Umweltzerstörung einsetzen, zeichnet sie ein düsteres Bild. Was aber in Venedig wie in einem Brennglas sichtbar wird, sind Strukturen und Tendenzen, die weltweit zu beobachten sind.

*Es gibt eine frühchristliche Märtyrerin namens Corona, die in der katholischen Überlieferung als Patronin des Geldes, der Schatzgräber und Metzger gilt.

 

Klaudia Ruschkowski

Klaudia Ruschkowski – ebenfalls seit Jahrzehnten in Italien, Volterra, ansässig – weist auf die enormen regionalen und sozialen Unterschiede hin, die die Coronakrise in ein grelles Licht gestellt hat und ganz besonders die Wichtigkeit von Veränderungen  im Bereich der Bildung hat deutlich werden lassen. Auch und gerade in Italien als einem der ärmeren Länder Europas haben sich Kinder als Leidtragende der gesamtgesellschaftlichen Krise herausgestellt. »Die Kinder und jungen Leute kamen lange Zeit gar nicht vor im Diskurs.« Klaudia verweist aber darauf, dass Italien stets – in einer positiven oder negativen Wendung – ein Land der »Avantgarde« gewesen sei. So gebe es die Bewegung der Sardinen, die vielleicht auf einer Geschichte von Leo Lionni gründet, das zeigt, wie aus vielen kleinen Fischen ein riesiger Fischorganismus werden kann, der jedem Ungeheuer die Stirn zu bieten fähig ist. Und: die Entwicklung des sehr armen südlichen Italiens – insbesondere Palermo – gibt Hoffnung. 

Könnte man nicht jetzt gerade alles anders machen? Wie wäre es, wenn man die leer gefegten Bühnen der Welt nicht, sobald möglich, wieder mit Altgewohntem füllte, sondern von ihrer Leere her neues Leben auf ihnen entstehen ließe?